Bericht zur diesjährigen 4Memory Summer School

Data Connectivity

Bridging the Gaps: Summer School zu Multilingualität in der Geschichtswissenschaft und Forschungs(daten)infrastrukturen

Die vom 9. bis zum 11. September 2026 vom NFDI4Memory-Team an der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) veranstaltete Summer School widmete sich dem Thema Mehrsprachigkeit, passend zur teameigenen Task „Handle multilingualism in research data description“. Deren bisherige Zwischenergebnisse sowie Projektvorstellungen historisch arbeitender Forschender und Professionals aus dem Infrastrukturbereich sowie Studierender und Postdocs bildeten die Diskussionsgrundlage.

Die Veranstaltung knüpfte an die Ergebnisse eines im April 2026 gehaltenen Online-Workshops mit Expertinnen und Experten an, der von NFDI4Memory in Kooperation mit der AG Multilingual DH des DHd-Verbandes organisiert worden war. Aus diesem Workshop war die Veröffentlichung von Problem Stories zum Umgang mit Multilingualität in Infrastruktur und Forschung hervorgegangen, die den inhaltlichen Rahmen der Summer School vordefinierten.

Für Informationsanbieter umfasst Mehrsprachigkeit u. a. folgende Handlungsfelder: Metadaten in mehreren Sprachen zu ermöglichen und Suchmöglichkeiten über Sprachgrenzen hinweg zu eröffnen, Sprachinformationen explizit als strukturierte Daten zu modellieren, alternative Namensformen nicht „wegzunormalisieren“, sondern miteinander zu verknüpfen, Standards und Schnittstellen offen zu gestalten, um kleinere Sprachräume nicht systematisch zu benachteiligen oder ältere Sprachzustände unberücksichtigt zu lassen, sowie internationale Anschlussfähigkeit zu gewährleisten. 

In ihrer Begrüßungsrede stellte Dorothea Sommer, Generaldirektorin der Bayerischen Staatsbibliothek, die für die Veranstaltung maßgebliche Leitfrage: „Sind unsere Informations- und Infrastrukturangebote tatsächlich mehrsprachigkeitsfähig?“. 

Zu Beginn des ersten Tages lernten die Teilnehmenden in einem geführten Rundgang die Gastgeberinstitution näher kennen und konnten währenddessen besonderes Augenmerk auf die Vielsprachigkeit der vorhandenen bibliothekarischen Sammlungen legen. 

Die erste Präsentation „Multilingualität als Herausforderung der virtuellen Geolinguistik (am Beispiel von VerbaAlpina)“ wurde beigesteuert von Thomas Krefeld, in Abwesenheit des mitverantwortlichen Autors Stephan Lücke (beide LMU München) und stellte die von ihnen verantwortete Forschungsumgebung zu Dialekten und Sprachformen desAlpenraums vor.

Am Nachmittag wurde in einem interaktiven World-Café-Format mit den Teilnehmenden an drei Thementischen zu Fragen der Mehrsprachigkeit in beschreibenden Metadaten, in kontrollierten Vokabularen und Normdaten sowie in Ontologien und Wissensgraphen diskutiert. 

Den Tag beschloss die Keynote „Before and After Babel: Multilingualism and the Reconstruction of the World’s Oldest Literature“ von Enrique Jiménez (LMU München). Die Videoaufzeichnung dieser Keynote wird zur Bereitstellung über die NFDI4Memory-Instanz der TIB AV Medienplattform vorbereitet.

Der zweite Tag begann mit Einblicken in die jeweiligen Projekte der Teilnehmerinnen Lisa Maria Teichmann („Mapping German fiction in translation“, Universität Wien) und Roberta Vidic (TEXTORE, Universität Paderborn und Hochschule für Musik und Theater Hamburg) unter den Gesichtspunkten unterschiedlicher Workarounds für Probleme der Übersetzung.

Im anschließenden Panel präsentierten Peter Kompiel und Marc Altmann (beide FU Berlin) den NFDI4Memory-Initiativdienst ASR4Memory (ASR steht für Automatic Speech Recognition) im Rahmen einer Live-Demonstration, anhand von Beispielinterviews aus dem Portal Oral-History.digital, einschließlich der dazugehörigen Web-Applikation MMT (Media Management Tool).

Den Nachmittag gestalteten Carolin Schreiber und Ursula Stampfer aus der Abteilung Handschriften und Alte Drucke der BSB zusammen mit Jakob Reuster aus der Osteuropa-Abteilung mit einem Block zu Transkription und Annotation mehrsprachiger Quellen mit Transkribus, eScriptorium und Multilingual Large Language Models (MLLMs), der eine HTR-Hands-On-Session mit eScriptorium beinhaltete.

Abgerundet wurde der Tag mit der Roundtable-Diskussion zum Thema „Multilingualität bei der Dekolonialisierung von Forschung und ihrer Infrastruktur“. Das Panel, bestehend aus den geladenen Gästen Simone Franz (Universität Oldenburg), Romy Köhler (Universität Bonn), Eva Ommert (Universität Leipzig und SAdW) sowie Trond Trosterud (Universität Tromsø) diskutierte kritisch die Rolle von Gedächtniseinrichtungen im Zusammenhang mit der Revitalisierung kolonisierter Sprachen und Kulturen.

Am letzten Tag tauschten sich die Teilnehmenden während der neunzigminütigen Postersession „Posters and Pretzels“, mithilfe ihrer mitgebrachten Poster über ihre jeweiligen Projekte und Forschungsschwerpunkte mit Bezug auf Multilingualität aus. Die vorgestellten Poster werden im Nachgang der Summer School in einer gemeinsamen Veröffentlichung zusammengefasst werden.

Der spätere Verlauf des Vormittags ließ zwei weitere Projektvorträge folgen: Zum einen berichtete Stefan Leicht (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin) aus dem Projekt H-Diaries über die Erstellung und Analyse multilingualer Korpora für die historische Forschung. Zum anderen gab Ursula Stampfer (BSB) Einblicke zu Multilingualität und Interoperabilität durch Normdaten im Verbundprojekt ‚Handschriftenportal‘ (HSP) und in das Datenmodell des zugehörigen HSP-Wissensgraphen.

Während der abschließenden Wrap-Up-Runde wurde der Austausch vor Ort sowie zwischen GLAMs und Forschung als besonders fruchtbar hervorgehoben. Es wurde weiterhin mehrfach betont, dass Infrastruktureinrichtungen aktiv an Kommunikation mit wissenschaftlichen sowie sprachlichen Communitys beteiligt sein sollten, um Perspektiven und Ziele der jeweiligen Akteure noch besser zu verstehen.

Die inhaltlichen Ergebnisse dieser Summer School werden in einem Whitepaper Berücksichtigung finden, welches das 4Memory-Team an der BSB derzeit erarbeitet.

 

Autor:innen: Marta Kościelniak, Florian Siemund

Organisationsteam: Arnošt Štanzel, Florian Siemund, Marta Kościelniak, Gregor Horstkemper, Ludovica Mancini, Hildegard Schäffler